Bin ich ein ,,Brigitte-Opfer" ?!

Dienstag, 23. Juni 2015


Früher war mein Körper einfach nur mein Körper. Doch nun hat er plötzlich ein Label verpasst bekommen - ,,After-Baby-Body". Und egal wie er aussieht,  es scheint als müsse er sich mit dieser Schublade nun wohl oder übel arrangieren. Denn der After-Baby-Body-Zirkus ist so (un)beliebt wie eh und je... 

,,Ein paar Kilos zu viel? Mensch, die tut aber nicht viel für bzw. gegen ihren After Baby Body..." ,,Viel abgenommen? Woooow, was für ein toller After Baby Body! Respekt!" Zwischen diesen beiden Extremen bewegen sich speziell in den Medien meist die Kommentare über Frauen, die gerade Mutter geworden sind. Bekommt eine Promi-Lady Nachwuchs, wird nicht in erster Linie darauf gewartet, endlich nett und offiziell gratulieren zu können, der frischgebackenen Familie alles Gute zu wünschen, vielleicht auch den Namen des Nachwuchses zu verkündigen... Als  erstes stürzen sich alle wie die Geier darauf genaustens zu schauen, wie denn nun der prominente After-Baby-Body so aussieht. Prinzessin Kate setzt nur einen Schritt vor die Krankenhaustür und sofort hört man den After-Baby-Body-Scanner rattern. Mila Kunis wurde Mutter der supersüßen Wyatt und was in erster Linie interessiert ist, mit welchen Tricks sie so schnell solch einen perfekten After-Baby-Body vorzeigen konnte. Eigentlich ätzend, wenn man mal genauer darüber nachdenkt, oder?


Schöne verkehrte Welt

Das Leben einer frischgebacken Mutter ist meist von der einen auf die andere Sekunde ganz anders. So viel Neues, so viel Schönes, so viele Herausforderungen... Aber worauf man ganz schnell reduziert wird ist schön oberflächlich der eigene Körper, der nun nicht mehr einfach nicht nur ein Körper ist, sondern auch bitteschön bei jedem Post und Tweet dringend den Hashtag #afterbabybody verdient. Aber was will man dadurch ausdrücken? ,,Sorry, Leute. Ich weiß, der Körper den ihr da auf meinem Foto sieht, ist nícht wirklich perfekt... Aber naja, ich habe auch gerade ein Kind bekommen..." Muss man sich jetzt dafür entschuldigen bzw. sich rechtfertigen?! Oder will man vielmehr sagen: ,,Schaut her, Leute wie toll ich aussehe OBWOHL ich Mutter bin. Deswegen verdiene ich noch ein bisschen mehr Bewunderung als andere dünne Frauen. Schließlich habe ich es TROTZ Schwangerschaft und Mama-Alltag geschafft!" Die bewundernden Kommentare sind dann vielleicht ganz schön für das eigene Selbstbewusstsein, aber ich überlege oft: Wie viele Mütter sehen das Foto einer jungen Sixpack-Mama und fühlen sich danach schlecht, weil es ihnen mit ihrer eigenen Figur nach der Schwangerschaft ganz anders ergangen ist? Mir persönlich wäre es das Ganze nicht wert. Da poste ich lieber gar nichts in der Richtung, als (un)bewusst andere zum Vergleichen anzustacheln.

Echt erfrischend finde ich da als aktuelles Beispiel Hilaria Baldwin, die gerade zum zweiten Mal Mutter geworden ist und selbst Fotos im Netz veröffentlichte, die ganz anders aussehen als die meisten anderen Promi-After-Baby-Body-Fotos. Sie sieht wunderhübsch aus, wie immer. Aber was man deutlich erkennen kann ist, dass sie auch nach der Entbindung ein auffälliges Bäuchlein vor sich trägt. Man könnte jetzt sagen: Mensch, hat die Arme Pech gehabt. Dabei ist das doch eigentlich ganz natürlich! Sie schreibt dazu ,,Ich bin der Überzeugung, dass es wichtig ist, sich selbst zu akzeptieren und zu lieben, nachdem man ein neues Leben in die Welt gesetzt hat." Im Internet erntet sie für dieses mutige Statement eine Menge Respekt und auch ich finde es einfach bewundernswert wie selbstbewusst sie sich öffentlich gegen den After-Baby-Body-Zirkus stellt. Sie hätte ja auch warten können mit dem ersten öffentlichen Foto, bis sie wieder rank und schlank ist. Oder geschickt kaschieren. Aber sie hat sich bewusst dagegen entschieden. Und eigentlich ist es doch ganz normal, dass man als frischgebackene Mutter so aussieht! Alle, deren Bauch sich von jetzt auf gleich nach der Entbindung verabschiedet hat, sind echte Glückspilze. Aber das ist eher die Ausnahme und nicht die Regel, an der sich Andere messen sollten. Diese Tatsache ist vor allem für junge Mädchen durch die Art der Berichterstattung in den Medien völlig verdreht worden!

Worauf es wirklich ankommt

Und da rede ich gerade aus ganz eigener Erfahrung. Ich hatte einfach noch zu wenige reale Frauen nach der Entbindung mal genauer angeschaut bzw. mich mit ihnen über dieses Thema unterhalten. Den meisten Input, was die Veränderungen des Körpers einer frischgebackenen Mutter angeht, hatte ich also aus den Medien. ,,Wenn die alle so schnell wieder so toll aussehen, wird das für mich schon auch kein so großes Problem sein", dachte ich. Während der Schwangerschaft habe ich 10 kg zugenommen. Eigentlich echt nicht viel. Dann dachte ich mir, dass ja direkt nach der Geburt noch einiges runtergeht und daraufhin noch weiter durch das Stillen. Also war ich frohen Mutes, bald wieder in alle meine alten Klamotten zu passen. Pustekuchen! Ich wog direkt nach der Geburt immer noch genau so viel wie vorher. Wie das rein mathematisch möglich war, war mir ein einziges riesengroßes Rätsel! Mit dem Stillen gab es auch Probleme. Das führte unterm Strich dazu, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben am eigenen Leib spüren durfte, wie schwierig es wirklich ist so viel abzunehmen! Wenn man immer schlank war denkt man sich: ,,Ach, das kann doch nicht so schwer sein"... Aber wenn man dann selbst schauen muss, wie man 10 kg wieder los wird, wird einem deutlich, wie viel Disziplin in Sachen Sport und Ernährung dafür notwendig ist. Mein Traum ganz schnell nach der Entbindung einen tollen After-Baby-Body präsentieren zu können, war damit ausgeträumt. Im Nachhinein bin ich aber dankbar dafür. Dadurch ist mir echt einiges Wichtiges bewusst geworden...

Einfach genial finde ich es, wie Carolin Kebekus in ihrer Brigitte-Kolumne ,,Liebe Brigitte, ich hasse dich" an dieses Thema herantritt. Mit ihrem Humor und ihrer Art auch mal zu provozieren, deckt sie gekonnt Missstände auf. Absolut lesenswert!!! Und zwischen all dem Sarkasmus analysiert sie dabei meiner Meinung nach völlig treffend: ,,Der Afterbabybody. Da wird dir nach den ganzen Schmerzen und dem ganzem Stress ganz subtil gesagt, dass du einfach zu faul bist, um geil auszusehen und das auch noch von den eigenen Leuten. Was für eine gefährliche Entwicklung." Ich will kein ,,Brigitte-Opfer" sein und einfach mit diesem Strom mitschwimmen, egal wie dumm es eigentlich ist, wenn man es sich einmal genauer überlegt. Frauen haben eine ganze Schwangerschaft durchlebt mit vielen Höhen aber auch einigen Problemen. Sie haben unter Schmerzen ihr Baby zur Welt gebracht, die so stark waren, dass sie sich zuvor wohl nie zugetraut hätten, dass sie sowas wirklich durchstehen könnten. Und dann opfern sie sich Tag und Nacht liebevoll für ihr Kind auf, stellen ihr eigenes Ego zurück und gehen für ihre Familie tagtäglich an ihre Belastungsgrenze. Und alles worauf sie wirklich stolz sein können, soll tatsächlich nur ein flacher Bauch und ein dünner, straffer After-Baby-Body sein?!?!?

Gegen den Strom schwimmen

Ich finde, solche Gedanken sollte man als Frau ganz weit von sich wegschieben. Das muss ja nicht heißen, dass einem die Kilos nach der Schwangerschaft zwangsläufig erhalten bleiben müssen. Wenn man sich damit nicht wohl fühlt, kann man ja gerne auf gesunde Art und Weise abnehmen, um wieder seinen alten Kleiderschrank für sich zu gewinnen. Ganz wichtig ist da meiner Meinung nach jedoch die Frage nach der Geschwindigkeit. Ich muss nicht schon beim Verlassen des Krankenhauses optisch wieder ganz die Alte sein. Auch nicht nach ein, zwei oder drei Monaten. Nicht umsonst wird gesagt ,,Neun  Monate kommt der Bauch, neun Monate geht er." Also bloß keinen unnötigen Zeitdruck aufbauen! (Bei mir hat es dann übrigens ca. 7 Monate gedauert, bis ich mein altes Ausgangsgewicht erreicht habe) Und selbst wenn es (viel) länger als die sprichwörtlichen neun Monate dauert. So what?! Dann ist es halt so! Längst kein Grund sich deshalb schlechter fühlen zu müssen. Eine Frau ist mehr als nur ihr Äußeres. Wir haben noch so viel mehr an uns, worauf wir wirklich stolz sein können.

Fühlst du dich wohl in deinem Körper, dann ist er gut so. Das Wichtigste ist bloß, dass man nicht in einer ,,Opfer-Rolle" verharrt. Ich muss kein Brigitte-Opfer sein, sondern kann mich auch mit Extrakilos gut fühlen. Ich muss aber auch kein Opfer meines Gewichts nach der Schwangerschaft sein und muss mich nicht damit abfinden, wenn ich eigentlich lieber schlanker sein würde. Für keinen Anderen, sondern nur für mich. Dann gibt es auch gesunde Wege mit genügend Zeit und ganz ohne unnötigen Stress abzunehmen. Doch egal in welche Richtung es schlussendlich geht: Ich finde, wir dürfen selbstbewusst zu uns stehen, egal was die Waage gerade anzeigt. Weil wir einfach viel mehr sind als das, was man von außen mit dem Maßband messen kann!





7 Kommentare |

  1. Ganz toller Artikel!!!!
    Wie Recht du hast!!!
    Ich habe auch noch zu viele Kilos und von allen Seiten hört man, dass man noch so einen großen Bauch hätte.
    Ich fühle mich zwar selbst nicht wohl mit dem Gewicht, werde mir aber so viel Zeit lassen wie es notwendig ist.
    Danke für deinen Beitrag. Er gbt mir wieder viel mehr Zuversicht!!
    Alles Liebe
    Verena

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  2. Ich finde auch, dass das eigene Gewicht das geringste "Problem" einer frischgebackenen Mama ist. Im Gegenteil: es ist wichtig viel und ausgewogen zu essen, um genug Energie für das Stillen aufzubringen. Ich bin daher nur am Futtern. Viel Kilos verliere ich damit nicht, aber das ist mir auch egal. Denn hauptsache meinem Baby geht es gut. Um meinen Körper kümmere ich mich dann später ;-)
    LG Wiebke

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  3. Nach der Geburt steht den meisten der Sinn wohl nicht nach Abnehmen. Der Tag ist sooo ausgefüllt und die Zeit rinnt durch die Finger. Die "Vorbilder" aus den Medien entsprechen einfach nicht der realen Welt. Dort stellen sich Frauen hin, deren Job es ist, schön zu sein. Was auch immer das heißt. Die normale Frau hat keinen eigenen Fitness Trainer. Das wird nur gerne vergessen. Und seien wir ehrlich: muss das sein? Die Figur kommt wieder oder ist verändert. Der Körper hat schließlich eine große Leistung vollbracht. Sich fit halten, ist ein tolles Ziel, aber es von Frauen quadi zu verlangen, ist denkwürdig. Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen. Super geschrieben.

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  4. auf den Punkt gebracht! Ein sehr schöner Post- meine Schwangerschaft liegt auch nicht weit zurück- sie ist noch deutlich sichtbar. Mein "After-Baby-Body" hat zwar schon an Umfang verloren, aber ganz ohne Müh! Ich konzentriere mich lieber auf meine Herzis. Man sagt nicht umsonst, dass ein Körper die Zeit der Schwangerschaft benötigt, um zum Ursprung zurück zu kehren!
    Ich wabbel mit Freude (:

    `liebst Nina

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  5. aaah, anbei noch eben- du hast ganz zauberhaften Nachwuchs!

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  6. Danke, du sprichst mir aus der Seele! Ich kann diesen Hype ums "Sexy-Mami-Aussehen" einfach nicht ausstehen. Ich selber sah auch schon relativ schnell nach der Geburt so aus wie früher (ein klein wenig Bauch hatte ich vorher auch und so ist es auch geblieben :-D). Aber bei mir hat sich so einiges verändert, seitdem ich Mutter bin. Ich muss nicht mehr perfekt gestylt und mit lackierten Nägeln durch die Gegend laufen. Es gibt doch viel Wichtigeres im Leben: mein Kind - und dafür geht so viel Zeit drauf, dass ich für übertriebenes Styling keine Zeit mehr habe. Klar, ich versuche trotzdem, möglichst gepflegt und ein wenig schön (lach) durch die Gegend zu laufen - ABER ich bin nun Mama und da habe ich WICHTIGERES im Kopf, als das rein Äußerliche. Du triffst es mal wieder perfekt auf den Punkt!

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  7. Ich habe mir nach beiden Kindern anfangs selten Gedanken über meinen Körper gemacht, vielleicht aber auch weil ich nicht so dolle Probleme hatte, außer dass ich Schwangerschaftsstreifen und etwas mehr Haut zurückbehalten habe. Aber Stress habe ich mir deswegen selten bis nie gemacht. Um da effektiv etwas zu machen bin ich erstens zu Faul und zweitens zu inkonsequent. Aber ich versuche mich normal fit zu halten. Hier mal etwas schwimmen, da mal etwas Zumba, aktuell versuche ich mich im Kanga (Sport mit Baby), aber auch nur, weil mir alle etwas von Rückbildungskurs erzählen und mein schlechtes Gewissen sich meldete ;)
    Eine Mami sollte nicht altbacken und grau aussehen, sondern kann auch ihren nicht "perfekten" After-Baby-Body in Szene setzen.

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