Traumgeburt oder doch eher Geburtstrauma?...

Dienstag, 21. Juli 2015


RTL II gucke ich höchstens zum Bügeln. Wenn nichts anderes läuft. Nichts aus diesem TV-Programm geht mir wirklich ans Herz. Gestern sah das jedoch ein wenig anders aus. Ja ok, völlig anders. Ich habe geweint. ,,Sarah und Pietro... bekommen ein Baby" habe ich mir angeschaut, weil ich die beiden einfach sehr sympathisch finde. Und weil sie ähnlich jung wie wir zum ersten Mal Eltern geworden sind. Doch als die beiden gestern im Interview über die Geburt ihres Sohnes Alessio und die Zeit im Krankenhaus geredet haben und man ihnen so deutlich angemerkt hat, wie schwer diese Zeit für sie gewesen sein muss, konnte ich nicht anders. Alte Gefühle und Erinnerungen in mir wurden wach. Leider keine besonders schönen. 

Vielleicht ist es euch ja aufgefallen. Auch wenn ich vieles aus unserem Leben hier auf unserem Blog teile, über MoJos Geburt habe ich nie berichtet. Wahrscheinlich weil ich einiges davon gerne ganz weit von mir wegschieben wollte. Aus Selbstschutz wahrscheinlich. Aber das klappt nicht besonders gut. Immer wieder kommen Gefühle von damals wieder hoch. Und auch wenn wir früher immer von einer Familie mit zwei Kindern geträumt haben, rückt dieser Gedanke für mich immer weiter in den Hintergrund. Ich glaube das hat auch viel damit zu tun, dass ich meine erste Entbindung noch nicht wirklich verdaut habe...



Eins vorneweg: So schlimm wie bei Sarah und Pietro war es bei uns auf keinen Fall. Wahrscheinlich auch nicht so schlimm wie bei einigen von euch, die das hier lesen. Aber für mich war es eindeutig sehr schwierig und hat bei mir so seine Narben hinterlassen. Die Geschichte rund um MoJos Geburt begann eine Woche nach dem errechneten Geburtstermin. Meine Hebamme beschloss mit einem Wehencocktail ein wenig nachzuhelfen. Also runter mit der ekligen Brühe und dann erstmal eine große Runde gemeinsam spazieren gehen. Das war dann unser letzter Spaziergang mit Kugelbauch. Als mein Mann und ich zurück kamen begannen bei mir die Wehen. Da war es gerade Mittwoch um 15:00 Uhr. Aber die Wehen waren noch nicht so stark, dass ich jetzt schon ins Krankenhaus fahren wollte. Ich habe noch einmal kontrolliert, ob meine Krankenhaustasche wirklich komplett ist und ansonsten versucht, noch ein wenig Kraft zu tanken. Die nächsten Stunden sollten schließlich sehr anstrengend werden. Wie viele es am Ende insgesamt sein sollten, das wusste ich zu diesem Zeitpunkt zum Glück noch nicht...

So gegen 10 Uhr abends hatte ich dann doch das Gefühl wir sollten uns mal ins Auto setzen und lieber zum Krankenhaus fahren. Ich war froh, dass gerade eine Hebamme vor Ort war, die ich vorher schon beim Wehenbelastungstest kennengelernt habe. Ich hätte mich sehr gefreut, wenn sie beim entscheidenden Moment dabei gewesen wäre. Am Ende waren es sogar drei Hebammen, die ich nacheinander im Schichtwechsel bei mir hatte... Das CTG zeigte auch schon ordentliche Wehen an, aber der Muttermund war (leider) noch völlig geschlosssen. Ich durfte selbst entscheiden, ob ich nun bleiben wollte, oder lieber über Nacht nach Hause fahren wollte. Da ich eine mittelschwere Krankenhausphobie habe, wollte ich dann doch noch mal lieber zurück fahren :D Was folgte war eine grausame Nacht. Ich habe mich vor Schmerzen gekrümmt und an Schlaf war nicht zu denken. Wenigstens mein Mann konnte ein wenig schlafen in dieser Nacht, auch wenn es nicht besonders viel war. Nach dem Frühstück fuhren wir dann sofort zurück ins Krankenhaus. Inzwischen musste ich mich beim Veratmen der Wehen schon sehr konzentrieren. 

Und siehe da, in Sachen Muttermund hatte sich schon einiges getan. Für eine Stunde sollte ich schonmal aufs Zimmer um danach erneut für ein CTG zu kommen. Doch die Herztöne waren besorgniserregend und für uns ging es sofort in den Kreissaal. Erstmal gab es Entwarnung, doch als dann circa eine Stunde später zwei Ärzte und drei Hebammen um mich herum standen, war ich vor Schreck wie erstarrt. Die Herztöne waren nicht bilderbuchreif, aber es sollte auch alles getan werden, um möglicherweise einen Kaiserschnitt zu umgehen. Ich bekam eine PDA, um die Geburt schneller voranzubringen. Was zunächst auch klappte, doch dann kam ein Wehenstopp. Dagegen bekam ich Wehenmittel und kurz darauf die Nachricht, dass die Entzündungswerte in meinem Blut besorgniserregend hoch waren. Also zusätzlich noch Antibiotikum. Auch MoJo wurde von seinem Köpfchen ein wenig Blut abgenommen. Dann folgten noch Dinge, wie ein Blasenkatheter und schlussendlich eine Entbindung mit Saugglocke. Es war kurz vor 23 Uhr als MoJo dann endlich da war. Hinter mir lagen also 32 Stunden Wehen... Körperlich war ich einfach unendlich  erschöpft. Trotzdem war dieser Moment wunderschön. Sogar der schönste in meinem Leben. Die ruhige Zeit im Kreissaal mit meinem Mann und unserem Sohn werde ich nie vergessen.

Doch am nächsten Morgen sah die Welt leider wieder ganz anders aus. MoJo hatte ein Geburtsgewicht von knapp unter 2800 gr und über Nacht Probleme mit seinem Blutzucker und dem Halten seiner Körpertemperatur bekommen. Als die Ärztin uns sagte, dass er dringend auf die Baby-Intensivstation verlegt werden müsste, brach ich innerlich zusammen. Ich machte mir so viele Sorgen, wie noch nie zuvor. Nach so einer langen und schwierigen Geburt, wollten die mir jetzt einfach mein Kind wegnehmen? Ich konnte mich irgendwie noch zusammenreissen, als wir ihn gemeinsam in die Intensiv brachten und an seinem kleinen Köpfchen der Zugang für die Infusion gelegt wurde. Doch als wir ihn dann alleine zurück lassen mussten brach es auf unserem Zimmer aus mir heraus. Ich konnte einfach nicht mehr aufhören zu weinen. Ich wollte meinen Sohn so gerne beschützen, doch ich konnte es nicht. Ich wollte ihn ganz nah bei mir haben, doch ich durfte es nicht. Es ist zwar mittlerweile fast ein ganzes Jahr her, aber ich muss immer noch weinen, wenn ich darüber schreibe. 

Es folgten drei weitere schwierige Tage für uns. Es war ein beschissenes Gefühl, sein Baby nicht bei sich zu haben zu können, sondern alle vier Stunden angerufen zu werden zum Füttern und Windeln wechseln. Es war ein schlimmes Gefühl nicht zu wissen, wie schnell er sich wieder erholen würde. Ich fühlte mich machtlos und irgendwie so als würde ich meinen Sohn alleine lassen. Ich seh ihn noch vor mir in seinem kleinen Wärmebettchen. Sollte er nicht lieber den ganzen Tag ganz nah bei seiner Mama und seinem Papa sein? Ich seh ihn noch vor mir, mit seinem Infusionszugang an seinem Kopf, warum musste er gerade einmal auf der Welt schon solche Erfahrungen machen? Der Gedanke, dass er und ich in früherer Zeit und ohne gute medizinische Versorgung die Geburt wahrscheinlich überhaupt nicht überlebt hätten fraß mich auf. Er tat mir so Leid, doch ich konnte ihm einfach nicht helfen. Und irgendwie tat ich mir auch selbst Leid, dass ich die ersten Tage kaum dazu nutzen konnte, eine Bindung zu ihm aufzubauen. Es war alles so ganz anders, als ich es mir während der Schwangerschaft ausgemalt hatte. In meinem Kopf kreisten immer nur Gedanken der Sorgen. Doch Gott sei Dank ging es von Tag zu Tag bergauf. Das wirklich erlösende Gefühl kam dann jedoch erst auf, als wir endlich gemeinsam nach Hause durften. Als ich hörte, wie der Schlüssel sich im Schloss unserer Eingangstür drehte. Dann erst ging die schöne Kennenlernzeit los. 

Ich hatte gehofft, die Erinnerungen würden schnell verblassen, wenn wir erstmal zu Hause wären. Aber leider ist es nicht so. Das Zurückdenken schmerzt immer noch und irgendwie habe ich sogar Schuldgefühle, auch wenn mir eigentlich bewusst ist, dass ich die eigentlich gar nicht haben sollte. Ich habe Angst davor, wieder schwanger zu werden und wieder ähnliches zu erleben. Oder schlimmeres. Ich hoffe, dass es sich das Ganze noch legen wird mit der Zeit...



Wie geht es euch, wenn ihr an eure Entbindung zurückdenkt? Wie geht ihr damit um, wenn ihr eher ein Geburtstrauma als gute Erfahrungen damit gemacht habt? Geht das irgendwann auch ganz weg?

7 Kommentare |

  1. Ein unheimlich berührender Post. Danke das du Deine Gedanken und Erfahrungen mit uns teilst. Gott sei Dank geht es Euch beiden heute gut. Ein hoch auf die heutige Medizin.

    Ich selbst musste keine so furchtbare Erfahrungen machen und bin dafür auch sehr dankbar.

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  2. Liebe Katharina,
    ich kann es soooo gut nachfühlen. Zwar verlief die Geburt selbst bei mir anders anders, aber das ganze Nachhinein mit der Trennung und den damit verbundenen Gefühlen war dasselbe. Auch wenn es bei mir "erst" 3 Monate her ist, wenn ich über diese Zeit sprechen soll-gerade über den Moment der Trennung-, muss ich auch immer zu heulen beginnen. Ich weiß nicht, ob sich das je ändern wird; ich bin nun froh, dass diese schlimme Zeit vorbei und die Kleine gesund ist, aber ich habe auch furchtbare Angst davor, so etwas oder noch Schlimmeres womöglich wieder zu erleben.
    Fühl dich mal ganz fest gedrückt!
    LG

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  3. Hallo,

    das ist wirklich ein unglaublich berührender Post und ich kann verstehen, dass es dich noch immer beschäftigt, gerade wenn man dann solche berichte im Fernsehen sieht oder von anderen Eltern hört.
    Mein Sohn wurde schon vor 11 Jahren geboren, aber ich habe noch immer jeden Moment im Kopf. Mein Sohn musste auch direkt nach der Geburt - welche ebenso mit der Saugglocke stattfand, weil er nicht so wollte, wie er sollte - auf die Kinderstation verlegt, weil etwas mit einigen Werten nicht stimmte und er auch noch an Gelbsucht litt.
    Heute ist er Gott sei Dank putzmunter und quietschfidel, aber dennoch vergisst man solche Momente nicht und gerade bei Pietro und Sarahs Geschichte, habe ich sogar ein paar Tranchen vergossen, obwohl ich mich sonst so nie mit deren Geschichte beschäftigt habe.
    Ich wünsche dir noch viele tolle Momente mit deiner kleinen Familie und dass du es irgendwann vielleicht doch noch ein Stückchen mehr verarbeiten kannst.

    Liebe Grüße
    Melanie

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  4. Du hast wunderbare Worte gefunden. Es tut mir sehr leid, dass deine Geburt und die erste Zeit danach so schwierig war. Ich lag auch 31 Stunden in den Wehen. Auch mit allem Zipp und Zapp und die Tage danach musste er noch mal für zwei Nächte an den Monitor in einer Kinderklinik. Da War ich schon zu Hause und musste liegen. Es hängt mir bis heute nach und ich empfand die Geburt nicht als erfüllend. Dafür kann ich den Kleinen heute genießen. Alles Liebe, Bine

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  5. Ach Du Liebe, es tut mir leid, das zu lesen, und gleichzeitig finde ich es richtig, dass Du es Dir von der Seele geschrieben hast. Du wirst sehen, es trägt zur Verarbeitung bei. Es ist furchtbar, wenn alles so anders läuft als vorgestellt, davon kann ich bezüglich meiner ersten Geburt auch ein Lied singen. Ich finde, solche Berichte zeigen immer, dass Nachsorgehebammen eigentlich bei der Aufarbeitung der Geburt helfen sollten, was oft nicht passiert. Und was Deine Angst vor einer eventuellen 2. Geburt betrifft: Du hast ja meine beiden Geburtsberichte gelesen. Die zweite war eine Traumgeburt und hat tatsächlich das Trauma der ersten geheilt. Ist natürlich keine Garantie, aber eine Hoffnung:)
    Ich umarme Dich und wünsche Dir alles Liebe!

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  6. Ich kann Deine Angst gut verstehen. Auch ich hatte kein schönes Geburtserlebnis und es nie richtig verdaut. Trotzdem überwog irgendwann der Wunsch nach einem Geschwisterchen für unseren Sohn. Der Gedanke an die bevorstehende Geburt jagt mir Angst ein. Aber irgendwie werde ich es schon schaffen. Beim zweiten Mal ist es bestimmt einfacher. Und wenn nicht? Dann vielleicht ein Kaiserschnitt. Auf jeden Fall werde ich mit dem Krankenhaus die bevorstehende Geburt besprechen und eindeutig festlegen, was ich will und was nicht. Vielleicht hilft es ja.

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  7. finde es sehr mutig von dir so eine persönliche geschichte hier zu schreiben <3 du hast das soo toll aufgeschrieben. konnte fast schon mit dir fühlen.. wünsche dir sehr, dass du dieses erlebnis bald verarbeiten kannst.. zum glück ist die heutige medizin so gut..
    meine kleine hat bei der geburt auch nur 2795 gramm gewogen. die kam allerdings 5 wochen zu früh mit kaiserschnitt, da ich einen zu starken nierenstau hatte. die maus hat mir leider so doll auf die nieren gedrückt, dass sie nicht mehr länger im bauch bleiben durfte..
    die erste nacht konnte sie ihre temperatur auch nicht halten und musste deshalb im babyzimmer im wärmebett bleiben. aber danach ging alls gut. ihre geburt an sich fand ich eig nicht schlimm.. nur die schwangerschaft war sehr schwer für mich wegen den schmerzen.
    dein erlebnis ist so viel härter und ich habe größten respekt davor, wie du das gemeistert hast <3

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